Blick über den Tellerrand

Jeder geht gerne Essen, lässt sich bekochen und genießt einen Abend auswärts. Es könnte so einfach sein, aber manche machen es dann doch so kompliziert. Bewusst essen gehen, die Zeit in guter Gesellschaft genießen, den Fokus aufs Essen richten. Das scheinen viele verlernt zu haben. In meinen 12 Jahren in der Gastronomie hat sich viel getan und ich habe viel erlebt und gesehen. Nehme mir oft Zeit die Leute zu beobachten, bei Ihrem Tun und stelle mit Entsetzen fest, dass nur noch wenige wirklich wissen wie man Essen geht. Sie rauben sich selbst die Möglichkeit ein tolles Erlebnis zu haben, sie sind nicht wirklich hier. Meine Erlebnisse, meine Sicht der Dinge und wie man es in Zukunft vielleicht besser machen kann, möcht ich dir heute näher bringen.

Alles hat vor 12 Jahren angefangen, bei einem kleinen Buschenschank in Wien. Damals war alles irgendwie anders, anders als heute. Nicht so hektisch, einfach entspannter. Die Gäste waren gut drauf, haben gelacht, sich miteinander unterhalten. Die Gesellschaft, das Essen, das Trinken, dass waren die Dinge die im Mittelpunkt standen. Die Gäste haben das Servicepersonal gut behandelt, Witze gemacht und waren freundlich. Das Zeitalter der Smartphones war gerade in den Kinderschuhen, Foodblogger waren an einer Hand abzuzählen und Kinder haben noch Malbücher ausgemalt.

Und heute, 12 Jahre später. Mehrere Stationen in der Haubengastronomie und Sternehotellerie hab ich hinter mir und ich konnte in all den Jahren einen enormen Wandel der Esskultur mitmachen und beobachten.
Die Leute kommen schon schlecht gelaunt ins Restaurant, miteinander geredet wird kaum noch, denn die neuesten Instagramfotos von Kim Kardashian sind doch viel wichtiger. Das Essen dauert grundsätzlich zu lange, was dann letztendlich am Teller vor einem landet ist nebensächlich, Hauptsache es erfüllt den Zweck und macht satt. Jeder Zweite ist mittlerweile Foodblogger, hat ne Kamera dabei und erwartet dann natürlich auch, dass er auf etwas eingeladen wird, weil er sonst was schlechtes schreibt. Kinder werden mit Tablets ruhig gestellt und der Umgang mit dem Servicepersonal wird immer fragwürdiger, aggressiver und unpersönlicher.

Ich werde die Leute nicht ändern können, dass will ich auch gar nicht. Ich nehms mittlerweile nur noch mit Humor, denn lustig sind die meisten Erlebnisse schon. Ein paar Beispiele gefällig?! Gerne!

Junge Paare die sich beim ersten Date nichts zu sagen haben, pausenlos in ihr Smartphone schauen, sich dann gegenseitig die neuesten Fotos hin und her schicken und sobald der andere vom Tisch weg ist, gleich auf Whatsapp die Stimmungslage der besten Freundin oder dem besten Freund mitteilen. Oder es wird sich gleich das nächste Date auf Tinder ausgemacht.

Ältere Leute, die sowieso alles wissen und Fachleute sind, wenn es sich um Wein und Essen dreht. Unbelehrbar und beratungsresistent bis zum geht nicht mehr. Ich sie aber dann in dem Glauben lasse, dass der Muskateller, den sie gerade im Glas haben und Ihren Gästen vorschwärmen woher der kommt und sie den Winzer kennen, auch ein Muskateller ist und kein Grüner Veltliner, so wie es am Etikett steht.

Touristen, denen die Portionen grundsätzlich zu klein sind und es immer zu langsam geht. Und sie deshalb, um auf Nummer Sicher zu gehen, gleich mal die Karte rauf und runter bestellen, mit dem Zusatz „You can bring, when it’s ready„. Früher als wenn es fertig ist, könnt ichs ihnen eh nicht bringen. Und am Ende bleibt dann die Hälfte übrig. Waren die Augen wohl größer als der Magen.

Kinder die von Bitte und Danke noch nie was gehört haben, aber besser wissen, wie man mit einem Smartphone oder Tablet umgeht, als so mancher Erwachsene. Ernährt wird sich nur noch von Pommes, Reis und Huhn. Aber alles ohne Sauce und Salz, und tot gebraten, weil es könnte ja nach was schmecken. Kein Wunder das sich viele heute nur noch von Fertiggerichten ernähren und nicht mal mehr wissen wie Gemüse schmeckt. Es wird eine ganze Generation gezüchtet, die von Geschmack keine Ahnung hat und spätesten mit 30 dann an allen möglichen Ernährungsbedingten Krankheiten leidet.

Und das Beste überhaupt, sind überarbeitete, mit Ihrem Leben scheinbar sehr unzufriedene Menschen, die Essen gehen, nur um ihren eigenen Frust loszuwerden. Da wird dann das Servicepersonal ohne ersichtlichen Grund einfach irrational angeschrien, weil irgendeine Speise nicht auf der Karte ist, eigentlich eh alles Scheiße ist und ob man nicht wisse, wen man denn vor sich hat. Einer hat mal lautstark gemeint „I have the money, you make!„. Ok gesagt getan. Dass er am Ende für nen kleinen Extrawunsch und seine überaus freundliche Art, fast das doppelte gezahlt hat, erwähne ich hier nur am Rande. Extrawünsche kosten nun mal extra, aber der Ton macht die Musik.

Wie gesagt, bewusst Essen gehen, könnte so einfach sein, aber wir haben das im Laufe der Zeit verlernt. Nicht alle zum Glück, aber die Zahl jener, die es nicht mehr können, wird immer größer.
Ich denke, dass vor allem das immer schneller werdende Leben, der wachsende Stress, die zunehmende elektronische Abhängigkeit, aber auch die Unwissenheit vieler, dazu beiträgt, das Essen gehen, kein Erlebnis für die Sinne mehr ist, sondern nur noch eine Pflichterfüllung zur Nahrungsaufnahme. Keiner hat mehr richtig Zeit dafür bzw. kaum einer nimmt sie sich noch. Ich finde das richtig schade, denn es gibt doch nichts schöneres, einmal das Kommando abzugeben, sich vollends verwöhnen zu lassen, den Service zu genießen, die Gesellschaft in der man sich befindet schätzen, interessante Gespräche führen, über das Essen am Teller sprechen und über den Wein im Glas philosophieren. Genießen mit allen Sinnen. Die Atmosphäre des Restaurants wirken lassen. Und einfach mal die Probleme, Probleme sein lassen, abschalten und eintauchen in ein kulinarisches Erlebnis.

Hört sich doch eigentlich ganz einfach an oder?! Ich finde auch. Mit ein wenig umdenken und einem verändern der Einstellung zum Essen gehen, wird der nächste Restaurantbesuch zu einem unbeschreiblichen Erlebnis.
Was ich im speziellen tue, damit das Essen gehen für mich zum Erlebnis wird (und auch als Kind war)…

  • Ich lass mein Handy abgedreht oder gleich zu Hause. Befreie mich von dem Zwang dauernd aufs Handy zu schauen während ich im Restaurant sitze. Konzentriere mich auf meine Gesellschaft, mein Gegenüber und schenke ihr die volle Aufmerksamkeit. Und ja miteinander reden ist erlaubt und sogar erwünscht.
  • Ich bin stets freundlich zum Servicepersonal und beschwere mich sehr selten, eigentlich nie, bin geduldig und verzeihe auch kleine Unachtsamkeiten. Nicht nur weil ich auch auf der anderen Seite stehe. Unglaublich was BITTE und DANKE, ein Lächeln und eine ruhige Art und Weise alles bewirken können. Da werden dann sogar umständliche Extrawünsche, gerne und schnell erfüllt, und gelegentlich gibts sogar ne Aufmerksamkeit des Hauses.
  • Ich probier gerne neue Dinge und lass mich auf Empfehlungen ein. Bin für alles offen. Lass mich führen und auch überraschen. Manche Dinge habe ich schon probiert, sie haben mir nicht geschmeckt, ok dann bestell ich sie nicht wieder. Aber ich kann von mir sagen, dass ichs probiert habe, mich an etwas neuem versucht habe. Weil mein Schnitzel kann ich, wenn ich will, überall essen.
    Und wenn ich der Servicemensch bin: Nein, wir wollen dir nicht das drei Tage alte Fleisch verkaufen, das weg muss. Wir wollen dir etwas Gutes tun. Und wer sich an Punkt Nummer zwei hält, dem empfehlen wir gerne die Spezialität des Tages, denn einem unfreundlichen Gast empfehle ich es erst gar nicht!
  • Als Kind war es immer das Größte für mich wenn ich bei den Eltern mitnaschen durfte. Mal da probieren und dort kosten. Super war das! Ich war schon früh für allerlei Geschmäcker offen, hab immer gerne Gemüse gegessen und weiß auch heut noch wie frische Zutaten schmecken sollen. Es gibt halt auch noch was anderes als Pommes mit Ketchup.
  • Ich schätze gutes Essen, schätze auch den Aufwand der dahinter steckt. Vielleicht weil ich aus der Gastronomie komme, kann ichs umso mehr schätzen, was da vor mir am Teller ist. Ich seh es nicht als selbstverständlich an. Wenn ich essen gehe, dann weil ich will, und nicht weil ich muss und lieblos Nahrung in mich reinschieben will.

Ich denke mit ein wenig mehr Bewusstsein fürs Essen und für die Arbeit die hinter einem angerichteten Teller steckt, wäre schon ganz viel getan. Es ist wie fast alles im Leben, Einstellungssache. Wenn ich positiv gestimmt, neugierig und offen für ein tolles kulinarisch Erlebnis, in ein Restaurant gehe, dann werde ich auch meistens eine schöne Zeit haben und das Essen genießen können. Wenn ich schon voller Ärger und schlechter Laune bei der Tür reinkomme, unfreundlich bin und den Aufwand, der betrieben wird, nicht schätzen kann und alles für schlecht befindet, na dann wird es auch genauso sein. Unsere innere Stimmung und Einstellung beeinflusst alles und reflektiert auf alles um uns herum, auch auf das Servicepersonal. Und ich sags ganz ehrlich. Ich bediene nette und dankbare Menschen so unendlich viel lieber, als einen unsympathischen und unfreundlichen „Grantler“.

Vielleicht lässt dich der buchstäbliche Blick über den Tellerrand, schon den nächsten Restaurantbesuch völlig anders erleben.

Guten Appetit!

Euer Flo

 

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